Der lachende Dritte in Sozialen Netzwerken

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Wenn Zwei sich streiten freut sich der Dritte! Dieser alte Spruch lässt den besagten Dritten in keinem guten Licht erscheinen. Man wünscht sich doch, dass die Menschen in Sozialen Netzwerken offen, freundlich und verbindend – eben sozial – interagieren. In der Netzwerktheorie hingegen kommt dem sogenannten „tertius gaudens“ gerade wegen seines „asozialen“ Verhaltens eine wichtige Rolle zu. Wie kann es sein, dass ein Akteur, der andere Akteure anscheinend aktiv trennt indem er Streit stiftet und sich darüber auch noch freut wichtig, ja sogar wünschenswert für ein gesundes Netzwerk ist?

Wenn man so möchte ist der lachende Dritte der Gegenspieler des „tertius iungens“, des „Kontaktmenschen“. Wenn er eine Information hat, die anderen nicht zur Verfügung steht, so teilt er diese gerne um die Beziehung zu seinem Umfeld zu vertiefen und zu festigen. Um ihn herum entstehen enge Netzwerke mit starken Beziehungen.

Der lachende Dritte hingegen lebt quasi für den Informationsvorsprung und versucht diesen gewinnbringend einzusetzen. Er ist auf der Suche nach Neuigkeiten und erhält diese durch einen großen und immer weiter wachsenden Bekanntenkreis, zu dem er aber eine eher oberflächliche Beziehung hat. Um seinen Informationsvorsprung zu sichern, vermeidet er, dass seine Bezugspersonen sich untereinander kennen lernen und ihrerseits Informationen austauschen. Für das Netzwerk bedeutet dies zweierlei. Es wächst und hat stetig Zugang zu neuen Informationen wohingegen ein Netzwerk, das nur aus „Kontaktmenschen“ besteht irgendwann nur noch die eigenen Ideen austauscht und keinen neuen Input mehr erhält. Es fehlt quasi der Kontakt zur Außenwelt. Andererseits ist das Netzwerk von den lachenden Dritten als Informationsquelle abhängig, da es über keine alternativen Kanäle mit diesen Informationen versorgt werden kann. Der lachende Dritte ist letztlich also Fluch und Segen zugleich, sorgt mit seinem „egoistischen“ Ansatz aber eben dafür, dass sich das Netzwerk weiter entwickeln kann.

Betrachtet man nun Gesamtnetzwerke, so stellt man fest, dass diese selten homogen sind. Vielmehr bestehen sie aus verschiedenen lose miteinander verbundenen Clustern. Innerhalb dieser Cluster gibt es enge Beziehungen zwischen den Akteuren. Sie sprechen meist die gleiche Sprache, teilen die gleichen Interessen und sind häufig auch räumlich verbunden. Nun kommt Tertius Gaudens ins Spiel. Er überbrückt häufig diese sogenannten strukturellen Lücken und verbindet die Cluster miteinander. Bei COMPASS durchsuchen wir daher große Soziale Netzwerke unter anderem nach diesen Akteuren. Um an Informationen zu kommen oder – aus Marketingsicht noch wichtiger – diese zu verbreiten, müssen die Akteure des Netzwerks aktiviert werden, die strukturelle Lücken überwinden können. Dazu benötige ich zunächst eine Kenntnis des Netzwerks, also Informationen zu allen Personen, die zu einem bestimmten Thema miteinander interagieren. In einem weiteren Schritt gilt es die zentralen Personen dieses Netzwerkes zu identifizieren.

Mit weltweit über 300 Mio. Nutzern, einer starken, netzwerkinternen Kommunikation und einem weiter wachsenden Nutzerstamm bietet sich Twitter als Datenquelle an. Mit Hilfe eines von COMPASS entwickelten Social Media Analysetools können große Datenmengen über die Twitter API gesammelt und in einer Datenbank abgelegt werden. Ausgangspunkt ist dabei immer eine Suchanfrage, die aus einem oder mehreren Begriffen besteht. Als erstes Zwischenergebnis erhält man eine Datei mit Informationen zu Usern, die sich zu den gesuchten Begriffen geäußert haben. Neben Metainformationen wie die Anzahl der Follower der User, wird ebenso festgehalten, welche User in Form von Retweets oder Antworten miteinander interagieren. So entsteht ein Netzwerk aus Knoten (Usern) und Kanten (Verbindungen zwischen den Usern).

newsletter_ebike

Um eine Idee zu haben wie die Darstellung eines solchen Netzwerkes aussehen kann, hier eine Abbildung des Netzwerks der Twitter-User, die sich mit dem Begriff “ebike” beschäftigen. Die Einfärbungen repräsentieren die Sprache der User und die Größe der Kreise die Zentralität. Neben der Zentralität gibt es noch weitere wichtige Maßzahlen in der Netzwerktheorie. Wie diese berechnet werden und was sie bedeuten, wird im nächsten Blog zum Thema Netzwerkanalyse beschrieben.

 

Autor: Stefan Staub

Schon als Kind war ich sehr gerne mit meinen Eltern im Wohnmobil unterwegs. Dabei hatte ich immer einen Atlas oder eine Karte auf meinem Schoß. Das Reisen und die bunten Karten gefielen mir so, dass ich später beschloss Geographie zu studieren. Hierbei entdeckte ich, dass auch die sozialen Aspekte des menschlichen Zusammenlebens äußerst spannend und eine Reise für sich sind. So habe ich meinen Schwerpunkt auf die Kulturgeographie und Soziologie gelegt. Heute arbeite ich als Senior Consultant bei COMPASS und freue mich darüber, dass ich all meine Leidenschaften ausleben und weitere für mich entdecken kann.

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