Der Touristische Rückblick zur WM 2014 in Brasilien

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Von Hanno Martens, M.A. cand. Cologne Business School

„Wir hatten ein Problem, unser Spiel gegen Deutschland. (…) Wir haben die pessimistischen Voraussagen besiegt und die Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften mit dem immensen und wundervollen Beitrag unseres Volkes veranstaltet.“    – Dilma Rousseff (Präsidentin Brasiliens)

Also gab es in Brasilien während dieser ganzen WM, der jahrelangen Vorbereitung und auch den Nachwirkungen wirklich nur ein einziges Problem?

Allein aus fussballerischer Sicht hat die deutsche Nationalmannschaft definitiv mehr als ein brasilianisches Problem aufgedeckt. Diese waren in den vorherigen Spielen bei genauem Hinsehen zwar erkennbar, sind aber nicht so deutlich aufgefallen. Auch im Verstecken gesellschaftlicher und politischer Probleme haben sich die Brasilianer probiert. Hier trug allerdings das Volk mit Protesten maßgeblich dazu bei, dass diese in der Weltöffentlichkeit gesehen wurden. Auch mit Siegen gegen Deutschland und Argentinien hätte Brasilien keine dieser Probleme im Land beseitigt. Das Fussball-verrückte, gut gelaunte Volk hätte diese dann nur kurzzeitig vergessen.

FIFA World Cup protesters in Brazil. Source AFP

FIFA World Cup protesters in Brazil. Source AFP

Jedem, der sich mit Tourismus beschäftigt, sollte allerdings klar sein: Überall wo Menschenmassen in ein Land reisen, entstehen weitaus mehr Probleme als nur eins. Diese haben mit der Niederlage gegen Deutschland und dem Fussball an sich aber genauso viel zu tun wie England und Italien mit der KO-Runde.

Insgesamt reisten für die WM eine Millionen ausländische Touristen nach Brasilien, von denen 95% angeblich beabsichtigen wieder nach Brasilien zu reisen (World Cup Portal, 2014a). Im Durchschnitt blieben diese Besucher 13 Tage. Eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer für Auslandsreisen. Die Zeit zwischen den Spielen der eigenen Nation nutzten viele, um das Land zu besichtigen. Daher profitierten 378 brasilianische Kommunen und nicht nur die 12 Gastgeberstädte von den Touristen (World Cup Portal, 2014b). Insgesamt gaben Touristen in Brasilien über 2 Milliarden Euro aus. Durch indirekte und induzierte Einkommenseffekte soll sich der wirtschaftliche Effekt der WM für Brasilien auf rund 10 Milliarden Euro summieren (Atkinson, 2014).

Trotz der beeindruckenden Zahlen die die Regierung nach der WM vorgelegt hat, möchte ich fünf Probleme des Tourismus bei dieser Weltmeisterschaft erläutern.

1)      Ein Großteil der Einnahmen aus dem Tourismus hilft keinem Brasilianer wirklich, sondern viel Geld wird von internationalen Hotelketten oder Restaurants aus dem Land geschafft.

2)      Große Touristenmassen erzeugen Umweltverschmutzung (Treibhausgase, Müll) und Überfüllung.

3)      Kleine Dörfer profitieren augenscheinlich von der WM, weil auch dort viele Touristen hinkamen. Allerdings besteht die Gefahr, dass viele Einwohner oder ganze Dörfer, die profitiert haben, nun umstrukturieren und sich auf den Tourismus konzentrieren wollen. Die Dörfer werden schnell abhängig vom Tourismus. Da ein erneuter Ansturm wie 2014 (trotz Olympia 2016) aber ausbleiben wird, waren Investitionen kurzsichtig und es drohen Pleiten.

4)      Weitere Profiteure der WM-Touristen wie Gastronomiebetriebe oder Hotels, die für die WM investiert oder überhaupt erst gebaut haben, könnten leer bleiben und sich einen Preiskampf liefern sobald der WM-Effekt abgeflacht ist. Die Nachnutzungsproblematik ist hierbei ähnlich kritisch zu sehen wie bei den meisten WM-Stadien.

5)      Mit den Touristen kommt (leider) oft auch viel Prostitution und sogar Kinderprostitution. Viele Mädchen wurden extra für die Fussballweltmeisterschaft von der Mafia entführt, andere prostituieren sich aus Hoffnungslosigkeit. Das Zitat von Poliana, einer 14-jährigen aus Sao Paolo, in einem Bericht des British Mirror hat mich ganz besonders schockiert: „Es gibt viele die jünger sind als ich, 11, 12. Ich bin oft die älteste auf der Straße. Wenn die Weltmeisterschaft beginnt, werden da viel mehr Mädchen in meinem Alter und jünger sein. Alle glauben, sie können viel Geld verdienen von den Ausländern die hierher kommen.“ Die WM treibt also noch mehr junge Mädchen in die Prostitution. Die brasilianische Regierung hat weggeschaut, obwohl es ein bekanntes und dramatisches Problem ist. Der Bericht ist übrigens vom Dezember 2013, 2 Wochen nachdem Poliana von ihrer Schwangerschaft erfuhr (Roper, 2013).

Also ist Tourismus jetzt immer schlecht? Oder kann das 2006 von Deutschland ausgerufene Motto: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ doch irgendwie nachhaltig realisiert werden?

Die Erfahrungen aus Südafrika zeigen, dass viele kleinere und informelle Betriebe von der WM und den Touristen profitiert haben und das im Sommer 2010 eingenommene Geld für Schulkosten oder den Schuldenabbau verwenden konnten. Es wurde jedoch von Regierungsseite verpasst, diese Betriebe mit dem WM-Schwung zu unterstützen langfristig stabil wirtschaften zu können. Die Regierung und auch die FIFA hätten auf informelle Unternehmen und KMUs mit Weiterbildungen und Trainings zukommen müssen anstatt viele aus Stadionnähe zu vertreiben (Everatt, 2014). Auch hier hat Brasilien eine große Chance vergeben. Noch heißt es die WM hätte 700.000 permanente Jobs geschaffen. In Südafrika waren die Prognosen ähnlich hoch, im Endeffekt wurden durch die WM aber keine neuen dauerhaften Arbeitsplätze geschaffen. Am meisten Profit macht am Ende sowieso die non-profit Organisation FIFA, die inzwischen 1,3 Milliarden Dollar Rücklagen hat.

Es ist so kurz nach einer WM nicht absehbar, ob sich die Imageeffekte positiv für den Tourismus in Brasilien auswirken werden. In Südafrika hat die WM die globale Aufmerksamkeit, den Nationalstolz, das Bürgerengagement und auch die Produktivität mittelfristig erhöht. Nach den Protesten in Brasilien bleibt allerdings abzuwarten, ob ein solcher Effekt messbar sein wird (Pflüger et al., 2014). Der Glaube an positive Imageeffekte und damit verbundene Touristenströme hat schon oft eine sachliche Kosten-Nutzen-Rechnung verhindert. Um langfristig im Tourismus von einem Sportgroßereignis wie einer WM (oder Olympia 2016 in Rio!) zu profitieren muss im Voraus zwingend ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes landesweites Tourismuskonzept entwickelt werden.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff allerdings hat im Moment nur ein ganz anderes Problem: Im Oktober finden in Brasilien Präsidentschaftswahlen statt. Auch deswegen wurden bei dieser WM viele Probleme im Land, im Tourismus und in der Infrastruktur unter den Tisch gekehrt. Die WM musste einfach zu einem Erfolg werden. Am Ende hatte daran, zumindest für Präsidentin Dilma Rousseff, nur die deutsche Nationalmannschaft etwas im Halbfinale auszusetzen.

Hanno Martens

Literatur

Atkinson, M. (2014). Brazil expects $13.5 billion Economic Boost from 2014 FIFA World Cup.

Everatt, D. (2014). Kurzfristige Gewinne, verpasste Chancen. In: Tourism Watch, 75, s. 10-12.

Pflüger, W.; Quitzau, J.; Vöpel, H. (2014). Strategie 2030 – Brasilien und die Fußball-WM 2014, HWWI & Berenberg (Hrsg.), Hamburg 2014, S.16-18.

Roper, M. (2013). Child Sex Shame of Brazil: Prostitute aged 14 used by Workers at England World Cup Venue. The Mirror, 08.12.2013.

World Cup Portal (2014a). Federal Government presents an Assessment of World Cup Actions.

World Cup Portal (2014b). Brazil played Host to a million foreign Tourists, from 203 different Countries.

Autor: COMPASS

Das Team von COMPASS widmet sich in diesem Blog inhaltlich den übergeordneten Themen Marketingbüro, Europa, Tourism & Peace, Nachhaltigkeit und Marktforschung.

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